SUPERZELLEN in Baden Württemberg
Das Chasing an diesem Tag werde ich wohl noch sehr lange in Erinnerung behalten. Aber alles der Reihe nach. Die Modellwelt deutete 1-2 Tage vor der Lage immer wieder isolierte Entwicklungen in den Nachmittagsstunden zwischen Schwarzwald-Lee und der Alb bis Oberschwaben an und ließen abends dann 1-2 markante Superzellen einmal von West nach Ost durchmarschieren. Auf welcher Höhe genau war noch nicht klar, allerdings pendelten sich die Modelle bis zu den Frühstunden auf eine Schiene von grob Karlsruhe/Pforzheim Richtung Heilbronn/Stuttgart ein. Leider kann ich aktuell nicht mit meinem eigenen Auto On Tour gehen, da es einen Defekt hat. Die Zellen an diesem Tag hatten durchaus Potential von Großhagel (3-6cm) und Sturm- bis Orkanböen. Daher musste ich etwas defensiver an das Chasing heran gehen und schloss ein Überrollen lassen ohne guten Unterstand von vornherein aus.
Bemerkenswert war an diesem Tag die flächige gute Scherung über einem breiten Streifen von Baden Württemberg in 0-6km mit 40-50 Knoten. Lokal an orografisch günstigen Gebieten und vor besonders kräftigen Entwicklungen auch 60-80 Knoten. Die Energie (CAPE) war an diesem Tag auch absolut ausreichend.
Sehr früh am Nachmittag ging es mit erster Auslöse in der klassischen Region um Bad Wildbad, Nagold los. Da ich erst auf etwa 14 Uhr wirklich mobil war, machte ich mir beim Blick auf das Radar schon Sorgen, dass ich für die ersten Entwicklungen mit Zugrichtung auf die Alb bereits zu spät unterwegs war. Glücklicherweise war das aber nur Vorgeplänkel. Ich war gerade unterwegs in Richtung Lorch/Göppingen, als sich eine kleine Neuentwicklung westlich von Holzgerlingen verstärkte und auf dem Radar recht schnell verdächtige Signaturen einer vorhandenen Mesozyklone aufwies. Leider war der Weg zur A8 sehr mühselig mit vielen 30er Zonen und nur über mehr oder weniger gute Bundesstraßen möglich. Auf dem Weg von Göppingen Richtung Aichelberg traf ich das erste mal mit guter Sicht auf die nun ausgewachsene Superzelle, welche auch schon größeren Hagel bis um die 3,5cm produziert hat. Eine beeindruckende Wallcloud war unter dem Aufwind erkennbar, an der es turbulent zur Sache ging und daneben der markante Niederschlagsfuß. Gerade beim Blick auf die Burg Teck konnte man sehen, wie groß die vertikale Ausdehnung einer Gewitterzelle im Kontrast zur Orografie und menschlichen Bauwerken ist.



Die Radarsignaturen waren wirklich beachtlich und ein massiver Bereich mit sehr hohen dBZ-Werten bis in große Höhen im Seitenaufriss erkennbar. Ein guter Indikator für größeren Hagel der im Aufwind der Zelle gerade produziert wurde. In diesen Minuten traf die Zelle auf den Albtrauf bei Neuffen und sorgte dort auch mit Großhagel bis 5,5cm für Dellen an den Autos.



Nun gab es nur ein Problem: Der Albaufstieg der A8 (Wießensteige) war mal wieder, wie so oft, durch Stau keine Option. Gerade weil ich das Risiko in den Hagelkern der Zelle im Stau zu kommen nicht eingehen konnte. Ich wollte trotzdem noch vor die Zelle kommen, da ich bisher ja eher nur von Norden in den Aufwind hineinschauen konnte. Ich entschied mich bei Gruibingen wieder abzufahren von der A8 und bin dann über Bad Ditzenbach die Alb hinauf gefahren und war bis Nellingen direkt an der Kante des FFD. Kurze Zeit war ich Hagelschlag mit einzelnen Körnern von maximal 2cm ausgesetzt. Letztlich zahlte sich die Hartnäckigkeit und das Risiko aus und ich schaffte es, mich vor die Superzelle zu kämpfen.


Blick auf die Zelle bei Albeck kurz vor der A8. Auch die Radarsignatur war jetzt wirklich markant, wenngleich sie ab diesem Zeitpunkt keinen Großhagel mehr produziert hat.



Über die A8 ging es ein Stück nach Bayern bis ich südlich von Günzburg ein schönes Kornfeld als passenden Vordergrund ausfindig gemacht hatte. Hier wurde der Aufwind schon kompakter, dafür formierte sich nochmals eine sehr fotogene Wallcloud an der Unterseite. Auch die Gesamtdynamik der Zelle war nach wie vor gigantisch.





Etwas Rückseitenstimmung musste nach diesem tollen Aufzug dann auch noch sein. 🙂

Die Zelle schien nun immer kleiner zu werden und war nach einigen weiteren Kilometern nach Osten dann auch auf dem Radar merklich am Abbauen. Nach etwa einer halben Stunde Ruhe hieß es in flottem Tempo zurück gen Westen zu fahren. Die in vielen Modellen angedeutete Superzelle, welche aus den Nordvogesen nach Deutschland ziehen sollte war bereits seit Metz unterwegs und schien dem Radar, den Fallböen, sowie dem Hageltrack nach ein richtiges Ungetüm zu sein. Die Luftmasse und das Wolkenbild auf der Fahrt über die A8 zurück nach Westen sprachen eine eindeutige Sprache. Heute wird es die Mitte von Baden Württemberg noch übel erwischen. In Karlsruhe zeigte die Zelle bereits, welche Gewalt in ihr steckte und verwüstete mit Orkanböen und Großhagel viele Felder und etliche Bäume. Leider wurde auch ein Radfahrer in Karlsruhe von einem umstürzenden Baum erschlagen. Von einer Abschwächung der Superzelle war aufgrund des passabel gescherten und labilen Umfelds nicht auszugehen.

Bei Kirchheim Teck fuhr ich von der A8 ab und weiter die B313 und B10 über Esslingen und Waiblingen bis nach Leutenbach. Dort suchte ich einen guten Standort, den ich dann auch an einem abgeernteten Feld mit Rundballen bei Kirschenhardthof gefunden habe. Zunächst sehr in der dunstigen Luft gehüllt schälte sich die Superzelle mit einem neuen Zyklus immer mehr heraus und entwickelte absolut geniale Strukturen, welche sehr an ein UFO erinnerten. Erdblitze waren leider relativ rar. Die folgenden Bilder einfach mal wirken lassen.














Hier war bereits das dumpfe Rauschen vom schnell näherkommenden Hagelkern zu hören. Also hieß es schnell zusammenpacken und nichts wie weg. Ich habe es tatsächlich in den Bereich des RFD geschafft und bekam nur ein paar Tropfen und ordentlich Wind ab. Bei Hertmannsweiler konnte ich die abziehende Superzelle dann noch beobachten während südlich versetzt aus Richtung Pforzheim eine weitere Mesozyklone aufgezogen kam. Zwar nicht so fotogen wie die Zelle davor, aber an einem anderen Tag hätte sowas auch das Highlight sein können.




Da es nach dem Durchzug der zweiten Zelle bereits Nacht war und ich das ganze erlebte erstmal etwas sacken lassen musste, fuhr ich die Hauptschneise des Hagelsturms erst zwei Tage später ab. In den Vororten von Backnang ( Maubach, Heiningen Weissach im Tal, Erbstetten) sahen die Maisfelder sehr kaputt aus und auch einige Schäden an Fassaden, Rolläden, Autos und weiterer Infrastruktur. Auch im Bereich Welzheim wurden einige Bäume entwurzelt oder sind abgebrochen.


















