27. Juni

Superzelle und BOW-Echo in Nordfrankreich

Nach Beratschlagung und Auswertung der Modellwelt entschloss ich mich mit Kollegen in die Region zwischen Reims und Paris in Nordfrankreich zu fahren, da dort eine explosive Luftmasse ( 2000-3000 Joule CAPE) mit passabler hochreichender Scherung zwischen 40-80 Knoten in 0-6km Höhe überlappen sollte. Einziges Thema war wieder der Trigger (Auslöser). Laut den morgendlichen Modellen sollte das gefährliche Setup an einer nach Nordosten wandernden Kurzwelle gezündet werden. In der Normandie wurden zunächst kräftige Superzellen am Abend gerechnet (gerade in den ersten Stunden auch diskret), welche in der Nacht zu einem Bow-Echo werden sollten und dann über Belgien und die Niederlande abziehen sollten.

Ein weiteres wichtiges Thema war die enorme Hitze, welche mich auf dem Weg ins Zielgebiet begleiten sollte. Bei bereits 35 Grad um 10:30 Uhr ging es in der Heimat über die A6 Richtung Mannheim und weiter nach Westen bis an die Grenze von Deutschland nach Saarbrücken. Dort angekommen zeigte die Temperatur im Auto schon 40 Grad an ! Hinzu kam der ungünstige Umstand, dass meine Klima nicht mehr funktionierte und ich mich mit einer Sprudelflasche nach der anderen auf Betriebstemperatur halten musste. Wohlwissend hatte ich davon in einer Kühlbox aber genug dabei. Während die Temperatur noch weiter auf 41,5-42 Grad stieg ging es weiter über die A4 bis Reims, wo ich die nächsten Stunden in einem Einkaufszentrum an der Autobahn ausharrte, da dort die Temperaturen etwas erträglicher waren. Beim Blick auf die neuen konvektions-erlaubenden Modellrechnungen kam jedoch großer Unmut auf, da ID2 und SHD und die Kurzfristmodelle die Lage in unserem Gebiet quasi komplett herausgenommen haben. In Anbetracht der bis hierher gebrachten Anstrengungen sorgte dies verständlicherweise für deutlich negativ geprägte Gedanken. Dennoch entschieden wir kollektiv erstmal abzuwarten.

Am späten Nachmittag entstanden dann die ersten Zellen südwestlich von Orleans und schienen sich auch zum Teil schnell zu Superzellen zu organisieren. Für uns hieß das, dass es wohl tatsächlich die Kurzwelle gab, welche dort für erste Hebung sorgte. Allerdings ging es langsam aber sicher Richtung 21 Uhr und um etwaige diskrete Zellen noch im Restlicht abfangen zu können fuhren wir von Reims noch etwa eine Stunde Richtung Westen. Auch der neue Lauf des ICON RUC Modells schien nun wieder auf das ursprüngliche Szenarium umzuschwenken. Bei der Fahrt nach Westen, löste die Dynamik der Kurzwelle immer mehr Konvektion in der Normandie aus, wovon wir es auf eine explosionsartige Entwicklung südwestlich von Paris abgesehen haben.

Wir fanden einen geeigneten Standort nahe der A1 westlich von Compiegne und konnten von dort den Aufzug des Komplexes mit der zunächst isolierten Superzelle am Südende dokumentieren. Ein beeindruckender Eisschirm mit Mammaten breitete sich über unseren Köpfen aus. Im Minutentakt zuckten Crawler durch den Eisschirm und auch etliche Erdblitze schlugen weit vor den eigentlichen Zellen ein. Es war also ab einem gewissen Zeitpunkt nicht gerade ungefährlich an unserem Standort zu stehen.

Leider war zum Zeitpunkt des letzten Tageslichtes außer einem dunstigen dunklen Einheitsgrau keine Struktur erkennbar. Dumpfe bass-lastige Donner rumpelten permanent vor sich hin und sorgten für richtiges Schwergewitter-Feeling. Irgendwann tauchte im linken Bildrand der kleine freie Aufwind mit Inflow-Signaturen der noch intakten Superzelle auf. Aber bereits hier war erkennbar, dass die bisher diskrete SZ mehr und mehr zu einer eingebetteten Zelle im sich gerade formierenden BOW-Echo wird. Mittlerweile schlugen vermehrt Erdblitze direkt aus der Mesozyklone ein und es dauerte nicht mehr lange bis der erste Regentropfen auf der Haut landete. Wir waren genau an der Kante des FFD der Superzelle, welche genau vor uns erst so richtig fotogene Strukturen ausbildete inklusive einer tiefen Wallcloud. Sogar einzelne laminare Layer an der Unterseite waren erkennbar. Aber es war hier bereits sehr dunkel, was das Fotografieren zunehmend erschwert hat.

Die Radarsignatur unserer Zelle war mittlerweile wirklich markant.

Wir waren genau an der Kante des FFD der Superzelle, welche genau vor uns erst so richtig fotogene Strukturen ausbildete inklusive einer tiefen Wallcloud. Sogar einzelne laminare Layer an der Unterseite waren erkennbar. Aber es war hier bereits sehr dunkel, was das Fotografieren zunehmend erschwert hat.

Nun musste es schnell gehen. Wir peilten die Zugrichtung der Zelle durch und entschlossen uns gegen die Fahrt über die A1 (hier wären wir schnell im Niederschlag der Zelle gelandet). Stattdessen wählten wir den Weg über die Bundesstraße Richtung Chauny. Auf dem Weg dorthin formierte sich hinter uns eine beeindruckende Shelfcloud und auch auf dem Radar konnte man schon gut die Bildung des berechneten BOW-Echos erkennen.

Kurz vor Chauny machten wir nochmals halt und konnten für etwa 5 Minuten den Aufzug der mehrstöckigen Shelfcloud festhalten, welche auch eine enorme Blitzrate hatte. Im linken unteren Bildbereich erkennt man noch die Wallcloud der eingelagerten Superzelle.

Beim Versuch sich über die Autobahn bei Laon nach Südosten vor dem System zu halten machte das System jedoch einen Sprung mit Vorauslöse von etwa 15-20km und wir gerieten auf der Autobahn somit schon direkt in das markante Sturmfeld des immer stärker werdenden BOW-Echos. Umgestürzte Bäume und große Äste zwangen uns schließlich auf der Autobahn den Durchzug abzuwarten.

Auf dem Doppler-Radar ist gut zu erkennen mit welch zerstörerischer Windkraft das BOW-Echo über Belgien hereingebrochen kam.

Da an hinterherfahren nicht zu denken war ( diverse blockierte Straßen, hohe Zuggeschwindigkeit) entschieden wir in Laon eine nächtliche Bleibe zu suchen und konnten davor noch ein paar nette Erdblitze aus südlicher Neuauslöse dokumentieren. Letztlich haben wir kein Hotel mehr gefunden und haben an einer Halle auf dem Land ein paar Stunden geschlafen.

Eigentlich war geplant etwas weiter im Westen (etwa Höhe Metz) am Sonntag 28.06.2026 die nächste Welle mit potentiellen Superzellen dort abzufangen. Diese Lage floppte aber leider komplett und wir traten gegen 17 Uhr die Heimreise an. In Summe war der Abend und die Nacht des 27. Juni 2026 sehr ereignisreich und heftig, allerdings haben sich die Strapazen im Bezug auf die fotografische Ausbeute leider nicht gelohnt.